"Crans-Montana ist für mich eine Herzensangelegenheit"

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Michelle Gisin ist eine der raren Allrounderinnen, die in jeder Disziplin zu den Anwärterinnen auf eine Top-3-Platzierung gehört. Zu Beginn der Saison 2020/21 brillierte die 27-Jährige aus Obwalden vor allem in den Disziplinen Riesenslalom und Slalom. Nun freut sich die Kombinations-Olympiasiegerin allerdings besonders auf die Heimrennen in Crans-Montana, wo sie in den zwei Abfahrten und dem zusätzlich übernommenen Super-G an der Spitze mitmischen will.

Michelle Gisin äussert sich im Interview dazu, wie es ist, ohne Zuschauer Rennen zu fahren, welches Ereignis auf der Piste Mont-Lachaux sie geprägt hat und wie grossartig sie darauf einen Weltcup-Slalom unter Flutlicht fände. Die Engelbergerin blickt zudem mit Zuversicht der nächsten Walliser WM-Kandidatur entgegen, gleichzeitig sieht sie sich jedoch im Jahr 2027 eher nicht mehr als Fahrerin an den Titelkämpfen in Crans-Montana.

Was ist aus sportlicher Sicht für Sie das Wichtigste in diesem Winter?
Michelle Gisin: "Dass überhaupt Rennen gefahren werden können. Als das im Frühjahr nicht mehr ging, hat mir das mit Abstand am meisten gefehlt. Durch den Lockdown konnten wir unseren Sport nicht mehr ausüben und es gab auch am TV keine Wettkämpfe mehr zu sehen. Das war eine schwierige Zeit. Als es dann wieder losging, saugte ich allen Sport, der irgendwo lief, auf."

Das wird wohl vielen Leuten auch in der jetzigen Situation so gehen, dass sie die Rennen zumindest am Fernsehen verfolgen wollen. Zu Tausenden ins Zielgelände dürfen die Zuschauer ja nicht kommen.
"Das ist im Moment leider so. Ich hoffe, die Ski-Übertragungen sind deshalb für viele eine schöne Abwechslung zum vielleicht eher tristen und langweiligen Alltag. Ich rate, am besten selber etwas Sport zu machen und am Wochenende jeweils auch die Skirennen zu schauen."

Wie anders erleben Sie das Rennfahren unter Corona-Bedingungen als die Saisons zuvor?
"Als sehr speziell. Es ist fast wie früher an kleinen Rennen. Du kommst ins Ziel, und ohne Zuschauer bleibt es sehr ruhig. Das ist doch schade, denn wir leben natürlich auch von den Emotionen, die unser Sport auslöst. Gleichzeitig ist es jedoch auch so, dass die Fans vor Ort auf den Sport selber und auf unsere Leistungen eher wenig bis keinen Einfluss haben. Das ist anders als beispielsweise im Fussball und Eishockey, wo die Stimmung der Fans das Geschehen wirklich auch beeinflussen kann."

Im Zielraum in Crans-Montana ist die Stimmung jeweils grossartig...
"...und diese Stimmung wird mir fehlen. Das Publikum in Crans fiebert einfach genial mit, sodass wir uns deshalb wie Rockstars fühlen. Ich freue mich darauf, wenn wieder Normalität einkehren kann."

Gibt es für Sie ein prägendes Erlebnis auf der Piste Mont-Lachaux?
"Das war sicherlich mein Podest in der Kombination (im März 2018 als Zweite mit drei Hundertsteln Rückstand auf Federica Brignone - Red.). Doch eigentlich handelt es sich eher um ein kombiniertes Ereignis, bestehend aus diesem Kombi-Podestplatz plus tags zuvor dem Super-G, bei welchem ich nach einem Super-Lauf Vierte geworden bin. Bestens in Erinnerung sind mir zudem auch noch einige geniale Slalom-Trainings auf der Mont-Lachaux. Dieser Hang wäre bestens geeignet für einen Weltcup-Slalom. Und warum nicht sogar unter Flutlicht? Auch die WM-Rennen auf diesem Hang werden grossartig, davon bin ich überzeugt."

Sie waren und sind Botschafterin der WM-Kandidatur von Crans-Montana. Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass die Titelkämpfe im Februar 2027 im Wallis durchgeführt werden können?
"Ich durfte die Kandidatur für 2025 begleiten und nahm diesen Prozess als sehr positiv wahr. Ich spürte die riesige Motivation und Begeisterung der Leute, obwohl sie wussten, dass wir nicht der Favorit waren. Das Dossier war top und wurde sehr gelobt, davon wird die nächste Kandidatur profitieren können. Ich glaube daran, dass es für 2027 klappen wird."

Wie gross werden die Chancen einer 33-jährigen Schweizer Fahrerin sein, dannzumal eine WM-Medaille zu gewinnen?
(lacht) "Das weiss ich jetzt noch nicht. Aber ich werde 2027 sicher mit dabei sein. Offen ist einfach, in welcher Rolle. Die WM ist noch weit weg und meine Karriereplanung geht nicht so weit in die Zukunft. Ich fände es auch nur schon schön, dannzumal vor Ort die Rennen zu verfolgen und den Schweizerinnen zuzujubeln."

Falls Sie tatsächlich nicht mehr aktiv sein sollten: Sähen Sie sich eher für RSI, RTS oder SRF im Einsatz?
"Ich sähe mich viel eher für das OK im Einsatz, denn Crans-Montana ist für mich zu einer Herzensangelegenheit geworden. Ich fühle mich sehr verbunden gerade auch mit Marius Robyr und Hugo Steinegger, die sich mit einer enormen Begeisterung und Freude für den Skisport einsetzen. Falls von ihrer Seite Interesse vorhanden ist, hätten Marius und Hugo sicherlich Priorität. Sie machen beide einen sensationellen Job. Aber warten wir mal ab, was die Zukunft bringt. Im Moment bin ich Fahrerin und will ich auf der Piste das Beste herausholen."