Drei Tage vor seinem 34. Geburtstag feierte Benjamin Raich
Premiere. Der Pitztaler gewann den zweiten Super-G von
Crans-Montana und damit sein erstes Speedrennen überhaupt. Didier
Cuche, der Sieger vom Freitag, wurde Dritter.
23'000 Zuschauer sorgten in Crans-Montana für eine grossartige
Kulisse. Die meisten waren in Erwartung eines weiteren Sieges von
Didier Cuche gekommen. Der Neuenburger fuhr zwar erneut stark, doch
nachdoppeln konnte er nicht. Im zweiten Anlauf fehlten ihm 36
Hundertstel auf Raich, und auch der Franzose Adrien Théaux schob
sich noch vor ihn. Die Begeisterung der Fans nahm Cuche sogar noch
während seiner Fahrt wahr: "Bei der Einfahrt in die Wald-Passage
hatte es extrem viele Leute, es war beinahe schwarz."
Sie alle peitschten Cuche nach vorne. Doch es reichte nicht.
"Nach der dritten Zwischenzeit kam ich etwas zu spitz, weshalb ich
die nächsten drei Tore um ein bis zwei Meter neben die optimale
Linie geriet", wusste Cuche, wo er den entscheidenden Fehler
begangen hatte. Zufrieden war er trotzdem: "Nach dem Sieg vom
Vortag wusste ich, dass ich erneut gewinnen kann. Deshalb war ich
am Start noch etwas nervöser als tags zuvor. Aber ein Platz auf dem
Podium ist immer gut." Zum siebenten Mal in diesem Winter erlebte
er eine Siegerehrung vom Treppchen aus. Und dank ihm klassierte
sich im 14. Speedrennen der Saison zum 13. Mal zumindest ein
Schweizer in den Top 3. Das brachte Cuche auch in eine gute
Ausgangslage, seine Kollektion an Kristall zu vergrössern. Nur noch
7 Punkte liegt er in der Super-G-Wertung hinter dem Norweger Aksel
Lund Svindal, der in Crans-Montana zweimal auf Platz 9 fuhr.
Ausstehend sind noch drei Super-G.
In den Kampf um den Gesamt-Weltcup wird Cuche kaum mehr
eingreifen können. Den dürften Marcel Hirscher und Beat Feuz unter
sich ausmachen. Dem Emmentaler gelang gegenüber dem verpatzten
Freitag eine Steigerung, indem er sich um zehn Positionen
verbesserte. Knapp eine Sekunde Rückstand reichte zu Platz 10. "Der
Hang in Crans-Montana wäre eigentlich genial. Nur wünschte ich mir,
wir würden hier im Dezember auf einer härteren Piste fahren. Auf
diesem weichen Schnee habe ich einfach Mühe. Es ging immerhin etwas
besser als am Freitag, als ich immer das Gefühl hatte,dass ich
ausfalle, sobald ich angreife", sagte er hinterher. Sein lädiertes
Knie hatte er dank entzündungshemmenden Mitteln im Griff.
"Während den Fahrten stört es nicht. Einzig die Vorbereitung ist
derzeit etwas eingeschränkt."
Feuz war natürlich auch klar, dass seine Ausbeute in den beiden
Super-G von Crans-Montana ungenügend war: "Aber nun folgen ja die
Rennen in Kvitfjell in Norwegen. Dort fahren wir zumeist auf
aggresivem Kunstschnee, ähnlich wie in Beaver Creek. Das gefällt
mir weit besser. Aber dort muss ich ganz extrem Gas geben, um gegen
Marcel Hirscher noch etwas ausrichten zu können." Hirscher hatte
auf einen Start Im zweiten Super-G verzichtet, nachdem er tags
zuvor ohne Punkte geblieben war.
Die Schweiz scheint Raich zu beflügeln
Die grossen Schlagzeilen verbuchte am Samstag dennoch ein
Österreicher. Benjamin Raich war es in seinem 374. Weltcuprennen
vergönnt, erstmals in einem Super-G zu gewinnen. Das war selbst für
ihn, den Gesamt-Weltcup-Gewinner, Doppel-Olympiasieger und
zweifachen Weltmeister etwas ganz Aussergewöhnliches. "Unglaublich,
gewaltig", nannte er es.
In Crans Montana erreichte Benjamin Raich eines seiner letzten
grossen sportlichen Ziele. "Dieser Sieg hat mir gefehlt, jetzt habe
ich ihn. Ich habe sehr lange darauf hingearbeitet und viel Geduld
aufbringen müssen. Umso grösser ist jetzt die Freude", erklärte
Raich, der nach dem Abfahrts-Erfolg von Klaus Kröll in Chamonix für
den zweiten ÖSV-Speed-Sieg in dieser Saison sorgte.
Am Freitag hatte er zu Cuche noch geflachst: "Einmal schlage ich
dich vielleicht noch." Nur 24 Stunden später setzte er das in die
Tat um. Vor allem zeigte er es allen Kritikern, die nicht mehr an
ihn geglaubt hatten. Am 11. Dezember 2009, in der Super-Kombination
von Val d'Isère, war er zuletzt im Weltcup siegreich gewesen. Und
vor allem folgte dann im Februar des letzten Jahres jener
verhängnisvolle Zwischenfall an den WM in Garmisch. Im
Team-Wettbewerb riss er sich - ohne zu stürzen - das Kreuzband im
linken Knie. Der Weg zurück wurde auch für einen wie Ihn
schwer.
In Adelboden schaffte er als Zweiter im Riesenslalom erstmals
nach seiner Verletzung wieder aufs Podium, in Crans-Montana kehrte
er zum Siegen zurück. Auffallend ist, wie erfolgreich Raich in der
Schweiz Rennen fährt. 10 seiner nunmehr 36 Weltcupsiege verbuchte
er in unserem Land, an vier verschiedenen Orten (in Wengen,
Adelboden, Lenzerheide und Crans-Montana). Dank seinem neuesten
Triumph ist er zudem wieder der Meister im eigenen Haus. 36:35
steht es neu im Sieg-Vergleich mit seiner Freundin, der
Slalom-Dominatorin Marlies Schild.
"Jetzt fehlt nur noch ein Abfahrts-Sieg", sagte Raich mit Blick
auf die Zukunft. Denn ans Aufhören denkt er nicht: "Ich bin ja fast
vier Jahre jünger als Cuche, da kann ich noch eine Weile
fahren."